Zu den verschiedenen schlesischen Dialekten schreibt im Heimatbuch der beiden Liegnitzer Kreise von 1927 *) Max Gehde (†) über "Die Mundart der Liegnitzer Landschaft" u.a. folgendes:

"Die Liegnitzer Landschaft vereinigt die größte Mannigfaltigkeit in der Sprachentwicklung, die in Schlesien überhaupt denkbar ist. Nirgends wieder in Schlesien überschneiden sich so viele Sprachgrenzen wie in Liegnitz. Die Stadt ist geradezu der Treffpunkt. Die Landschaftsform - Heide, Bergland, Fruchtebene - sind auch in der Sprachkarte erkennbar".

An anderer Stelle heißt es: "…..hat das Schlesische mit dem Ostfränkischen besonders viel gemeinsam in Klang, Form und Wesen, so dass Partsch **) in seiner Landeskunde berichten kann, wie gut sich gerade Schlesier und Franken 1870 vor Paris verstanden".

Weiter führt er aus: "Der Schlesier kennt grundsätzlich weder "ü" noch "ö", wie im Hochdeutsch Mühle oder schön, er spricht "Miehle" oder "scheen"; er spricht "Bliemla bliehn" statt Blümchen blühen, "Teene" statt Töne, "Techter" statt Töchter, "Fisse" statt Füße oder "Flisse" statt Flüsse. Man tut auch "schissen" statt schießen oder "gissen" statt gießen. Das geschlossene "e" in Klee, Schnee wird zu i, also "Klie", "Schnie". Eigentümlich ist auch, dass oft der kurze offene Laut des Hochdeutschen zum Langen Laut wird, teils offen, teils geschlossen: Mann = "Moan", kann = "koan", Loch = "Looch", Tisch = "Tiesch", Klotz = "Klooz", satt = "soat". Das lange geschlossene "o" in hoch, oben, groß, aber auch das kürzere offene in borgen, Sorgen, Orgel, wird zum "u", teils länger, teils kürzer: "huch", "uba", "gruß";"burgen", "Surgen", "Urgel"". Soweit Max Gehde.

Allgemein kann man sagen, dass in der Stadt Liegnitz selbst und auch in ihrem Umland durchaus nicht einheitlich gesprochen wurde. Wie die Karte zeigt, wurde sowohl in Lausitzer Mundart und in Gebirgsschlesisch, hauptsächlich aber in Kräutermundart "geloabert".

Beide Dialekte, aber auch die im westlichen Niederschlesien gesprochene Oberlausitzer Mundart, unterscheiden sich nicht wesentlich. Typische Gedichte in diesen drei Mundarten folgen am Schluss.

Zum angrenzenden Sprachraum, in dem man "Neiderländisch" sprach, hier eine Definition von Will Erich Peuckert (1895 - 1969):

"Breiter noch als das " Gletzische" (Glatzer Dialekt) ist die Sprache (Neiderländisch) von "draibm aiber dar Auder" = drüben über der Oder. "Aiber dar Auder" war aber die Landschaft, die in den Grenzen der D-Zugstrecke, der Autobahn und der gedachten Linie Ost-Breslau bis Neumittenwalde lag. Sie sprachen "au", wo wir uns zu langem "u" entschlossen haben und hatten deshalb eine "grauße Staube", wo wir eine große Stube hatten. Für unser langes "i" gebrauchten sie "ai", also lag auf dem "Taisch eine Schnaite" (auf dem Tisch eine Schnitte)."

Weiter meinte er: "Man sieht klar, sie trieben das alles uns zum Possen. Sie wollten nur etwas Apartes haben. Da kann ein Gelehrter zehnmal behaupten, dass diese ihre Sprache mit unserer gar nichts zu tun hatte. Das mag schon sein, aber "vaturbn isse haal duch" (verdorben ist sie halt doch)".

Erich Stübinger

*) Erschienen als Nachdruck 2006 im Band 35 der Beiträge der Historischen Gesellschaft Liegnitz e.V. in Zusammenarbeit mit der Liegnitzer Sammlung Wuppertal.
**) Joseph Partsch (1851-1925) war Professor für Geographie an den Universitäten in Breslau und Leipzig


Kräutermundart:

Dar aale Trachn

De Hielschern - doas passiert nie uft -
ahaaln an Brief ganz unvahufft.
Dar Pauer reeßt'n hostig uff,
dann spricht ar: "Weib, du kummst nie druff,
satz dich ock hie, sust haut's dich nieder!
Vu Lomperschdurf de Tante Frieda.
dar aale ticksche gift'ge Trachn
will ins partu - wos wulln merr machn? -
om Sunntignoachmittig besuchn.
Ei Gottes Noam'n, back haal an Kuchn
und loss is bluß on nischt nie faaln.
Doas Aas konn duch sei Maul nie haaln,
do waeß om Montig lang und breet
duch glei gonz Lomperschdurf Bescheed."
Dar Sunntig kummt, de Tante oo.
ihr erschter Weg fiehrt se uffs Klo.
Duch hot ihr Schoarfblick nischt genutzt,
doas Häusel woar blitz-blank geputzt.
Wie se nu kummt vum "stilln Urt",
stieht schunt is kleene Kurtel durt,
dan Hielschern ihr gewitzter Spund,
ihr Jingster haal, ihr kenntn schunt.
Dar lässt vaschmitzt de Guckel wandern
und tritt vu eem Fuß uff a andern,
weil ihn de Neugier goar su ploagt.
Dann fosst ar sich a Herz und froagt
- ar tutt sich dobee on se schmiegn -;
"Du, Tante Frieda, konnste fliegn?"
De Tante kucktn roatlus oan
und weeß nie recht, wos se sull soan.
"Wie kummste denn uff suwos bluß?"
Doas Kurtel schaut a wing konfus,
soat druff, nuch on se hiegelehnt,
beherzt mit unschuldsvullm Lachn:
Nu weil dar Voater hot gemeehnt,
du bist a aaler Trachn."

Hans-Werner Jänsch

Gebirgsmundart:

Fümf kleene Kinder

A spitzig Nasla
Als wie a Hasla,
Zwee flinke Beene,
Zwee Uhrn, zwee kleene,
A neues grienes
Jackla - a schienes,
A buntes Tichla,
Doas ies mei Richla,

A Luckaköppla,
A blondes Zöppla,
A weißes Scherzla,
A guldnes Herzla,
A buntes Röckla,
Schmoal wie a Steckla,
Schmoal wie a Gertla,
Doas ies mei Bertla.

A schlau Gesichtla,
A wildes Früchtla,
Bleit nich derrheeme,
Kricht uff die Beeme,
Werd runderfliega
Und werd glei kriega
A poar uff's Mützla,
Doas ies mei Fritzla.

Rund wie a Tüppla,
A niedlich Püppla,
Und wie a Täubla,
Eim weißa Häubla,
Mit guldna Schleeflan
Und Silberstreeflan
Om Sunntichkleedla,
Doas ies mei Hedla.

Schnieweiße Zahnla,
Sitzt noch eim Waanla,
Dar kleene Pummer,
Noscht ohne Kummer
Gebackne Pfläumla
Und steckt is Däumla
Tief nei ei's Molla,
Doas ies mei Kolla.

Ernst Schenke

Richla = Richard, Hedla = Hedwig,
Waanla = Kinderwagen,
Pummer = meistgebauchtes Kosewort,
Molla = Mäulchen, Kolla = Karlchen

Oberlausitzer Mundart:

Aebrlausitzer Muttersprooche

Du ale gemütliche Sprooche du,
bei uns a dr Aebrlausitz,
du bist a Stück Heemt, du gehirscht derzu,
du bist a Stück Aebrlausitz!

Su wie do de Barge und Täler sein,
de Steene und oh de Beeme,
su musst oh du, Muttersprooche, do sein,
sunst wär ees doch ne derheeme!

Du bist wie de Lausitzer Menschn sein,
su derbe und tustīch ne ziern;
du bist groade raus und wetter ne fein.
Ich tu dch immer garne hiern!

Bist bei uns immer derheeme gewast
a gutn und schlaichtn Zeitn.
Du bist wie a liebes und woarmes Naast.
War dch auslacht, dan koannīch ne leidn.

Du bist a Stück Heemt, du gehirscht derzu,
bei uns a dr Aebrlausitz,
du ale gemütliche Sprooche, du;
du bist a Stück Aebrlausitz!

Hermann Klippel